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Blogs • 20.04.2021

Einladend Aufladen:
6 Herausforderungen für das Design moderner Ladepunkte

Wenn man heute über Elektroautos liest, dann meint man zu glauben, dass es sich um eine ganz junge, innovative Technologie handelt.

Tatsächlich startet die Elektromobilität schon in die 3. Runde. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts fuhren in den USA mehr Elektroautos als Verbrenner oder dampfbetriebene Fahrzeuge. Die Vorteile waren seinerzeit die gleichen wie heute. Leise, abgasfrei und einfach zu bedienen waren die Fahrzeuge auch schon damals. Besonders bei Frauen waren die Elektrokutschen beliebt, da sie nicht mit viel Kraft per Kurbel angeworfen werden mussten. Nach dem 1. Weltkrieg endete die erste Hochzeit der Elektromobilität. Das Ford Modell T mit seinem revolutionär günstigen Preis und die Erschließung großer Ölvorkommen machten die Benzinkutschen attraktiver.

Erst in der Ölkrise 1973 erfolgte die erste Rückbesinnung auf alternative Antriebe. Viele Autohersteller experimentierten mit Elektrofahrzeugen und stellten Prototypen auf die Räder. Als sich der Ölmarkt wieder beruhigte, verschwanden auch diese Konzepte in den Schubladen. Die Speichertechnik hatte sich bis dahin nur wenig weiterentwickelt und entsprechend schwer und groß waren die Bleibatterien in diesen Fahrzeugen.

Die Ladesäulen der frühen Jahre muten an, wie aus dem Labor Dr. Frankensteins entliehen. Für eine Zeit, als Elektrizität noch keine Selbstverständlichkeit war, ist es umso bemerkenswerter, dass es bereits mehrere Hundert Ladestellen gab.

Der Neubeginn Elektromobilität

Mit Beginn der Initiative Schaufenster Elektromobilität wurden in Deutschland erstmals Ladesäulen in größerem Umfang aufgestellt. 2010 war die Annahme, dass im Jahr 2020 ca. eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sein werden. Die Ladesäulen dieser ersten Generation sind sehr unterschiedlich in Ihrer Erscheinung und Größe. Es gibt Hersteller, die die Ladeelektronik in Gehäuse steckten, die ursprünglich für Schaltschränke gedacht waren. Andere sind in quaderförmige Blechgehäuse verpackt mit Kabelausgängen und Lüftungsschlitzen hier und da ganz so, wie es technisch erforderlich ist.

Des Weiteren sind noch die wesentlich neueren Schnellladesäulen zu nennen, die man jetzt auf fast auf deutschen Autobahnraststätten sieht. Blechkisten, die schon aufgrund Ihrer Abmaße respekteinflößend anmuten. Die armdicken Kabel wirken wie Tentakel und sind alles andere als eine Aufforderung zur Benutzung. Seit den 1900er-Jahren haben wir alles insofern nicht so viel dazugelernt, was eine positive User Experience beim Aufladen betrifft.

Die fehlende Einheitlichkeit der Optik macht es häufig schwierig, eine Ladesäule erst mal als solche zu erkennen. Die Vielzahl der Formen, Proportionen und Farben erfordert ein genaueres Hinsehen.

Dazu kommt, dass es auch keine Einheitlichkeit bei den Bedienelementen gibt. Anschlüsse, RFID Flächen, Anzeigen, alles scheint wahllos über die Geräte verstreut. Als ein positives Beispiel für eine eindeutige Erscheinung könnte man die klassische englische Telefonzelle nennen. Diese ist auch auf einige Entfernung zu erkennen und aufgrund der ästhetischen Qualität zu einem Icon im urbanen Design geworden.

Hat man einmal ein hohes Level an Identität erreicht, ist es schwer, diese noch mal zu verändern. Als die spanische Post in den 80er-Jahren Ihre traditionellen runden Briefkästen durch gelbgraue Metallquader zu ersetzen versuchte, wurden diese zunächst als Mülleimer missverstanden.

Die Anforderungen, die man an eine öffentliche Ladesäule stellen müsste, waren anfänglich noch nicht erkannt, daher kann an jedem aktuellen Design etwas verbessern.

Die Ladesäule der Zukunft

Folgende Probleme sind aufgrund der Nutzung heute erkannt:

1. Auch wenn die Ladepunkte alle in Apps mit Ihrer Position gelistet sind und man sich dahin navigieren lassen kann, ist es sinnvoll, dass die Säule aus der Entfernung sichtbar wird. Das erreicht man idealerweise durch eine hohe Figur, die über parkende Autos hinaus erkennbar ist. Auch bei Nacht sollte diese Sichtbarkeit gegeben sein.

2. Bei der Genehmigung neuer Standorte sind auch Stadtplaner mitbeteiligt. Eine harmonische Einbindung der Ladestelle in die Umgebung wird gern gefordert. Insbesondere in historischen Altstädten mit Denkmalschutzanforderungen möchte man berechtigterweise die Harmonie nicht stören. Diese Anforderung steht nicht selten im Gegensatz zu Punkt 1.

3. Wie alles, was aus Parkplätzen oder Straßen heraussteht, wird gern angerempelt. Die Säule sollte daher unempfindlich sein gegen unsanfte Kontaktierungen in Stoßstangenhöhe. Bisher behelfen sich die Aufsteller mit massiven Pollern und Metallbügeln, da die Hersteller diese Notwendigkeit nicht erkannt haben oder keine Lösung anbieten.

4. Die Achillesferse der meisten Ladesäulen ist das Display. Vandalismus, aber auch direkte Sonneneinstrahlung und Regen machen diesem Bauteil zumeist als Erstes den Garaus. Einige Hersteller versuchen daher, ganz auf Displays zu verzichten. Die Möglichkeit, das Display auf eine intelligente Art zu schützen, habe ich bei noch keiner Ladesäule erkennen können.

5. Auch wenn es noch nicht jedem „Buntmetallsammler“ bekannt ist. Im Ladekabel befindet sich eine große Menge wertvollen Kupfers. Der Wert ist weit höher als der metallischer Gullydeckel, die in der Vergangenheit Opfer von Dieben wurden. Es ist zu erwarten, dass dies früher oder später erkannt wird und Kabel verschwinden. Dazu kommt, dass die Ladekabel an den Säulen bisweilen recht kurz ausfallen und man das Auto mehrmals umparken muss, bis ein Verbinden gelingt. Schön wäre eine Zuführung des Ladekabels an einem Arm von oben, so wie man es von den manuellen Waschanlagen kennt. Dann berührt das Kabel weniger die Bodenfläche. Ich habe schon miterlebt, dass Autos über angeschlossene Ladekabel beim Ausparken überfahren, da diese unkontrolliert am Boden liegen.

6. Regen und Schnee, es ist weitestgehend ausgeschlossen, dass man sich beim Laden einen Stromschlag zuziehen könnte, dennoch hantiert niemand gern mit nassen Kabeln und Strom. Bei den meisten Säulen ist kein Wetterschutz zu erkennen, der reale oder gefühlte Sicherheit bietet könnte.

Positive User Experience

Zu den rein technisch sinnvollen und bedienerfreundlichen Aspekten kommt noch der emotionale. Schon die Anmutung sollte eine Benutzungsaufforderung darstellen. So können Ängste und ablehnende Gefühle gar nicht erst aufkommen.

Hier gibt es noch viel zu tun.

Nur durch Erprobungen und das Sammeln von Nutzererfahrungen lässt sich die gesamte User Experience analysieren und verbessern. Neben den üblichen Displays können auch andere Indikatoren (zum Beispiel Sound, Licht, haptische Elemente), Hinweise auf den Betriebszustand und den Stand des Ladevorgangs Aufschluss geben.

Wünschenswert wäre es, wenn man sich national oder international auf einheitliche Merkmale und Funktionalitäten einigen könnte. Die Zeit dafür ist reif.

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Marcus Anlauff

Marcus gestaltet als Diplom-Designer bereits seit über 30 Jahren elektronische Geräte für verschiedene Produktbereiche. Was ihn motiviert? Der Anspruch nutzerfreundliche und zugleich technisch langlebige Produkte zu designen. Und das am besten mit dem Einsatz alternativer Materialien. Als Botschafter für den Einsatz nachhaltiger Materialien in der Produktion, entwickelte Marcus bereits mehrfach ausgezeichnete Produkte beispielsweise aus Karton. Seit 2017 beschäftigt er sich vermehrt mit Themen der Elektromobilität, die nach seiner Überzeugung, die derzeit größten Innovationspotenziale bieten. Seine Kompetenz unterstreichen nicht nur die für E:ON gestalteten zukunftsweisenden Ladesäulen, sondern auch sein Gespür für sich abzeichnende neue Trends am Markt. Ihr Ansprechpartner für New Mobility / Industrie Design +49 170 951 8882

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